Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
Betteln, beissen, Pipi machen
tom. Will man als Journalist wissen, ob die
eigene Arbeit in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, braucht man bloss einen
Artikel über Hunde zu schreiben. Kaum etwas provoziert so viele Leserbriefe und
schürt derart Emotionen wie Geschichten über die vierbeinigen, pelzigen
Stinker. Trotzdem gibt es so gut wie keine Spiele über Hunde. Vielleicht sind
Hundeliebhaber für Spielehersteller uninteressant, weil sie immer Gassi gehen müssen
und keine Zeit zum Spielen haben. Doch nun wird alles anders: «So ein
Hundeleben» heisst das Werk von Christophe Boelinger, das sein Thema voll
trifft. Als Hund durchstreift jeder Spieler eine Kleinstadt auf der Suche nach
Nahrung und Knochen. Vier Knochen muss man in seinem Versteck einbuddeln, um zu
gewinnen.
Auf einem im Comic-Stil gezeichneten Spielplan streunen die Hunde durch Strassen
und Gassen. Sie durchwühlen Mülleimer, betteln in Restaurants, trinken Wasser
aus Brunnen, um an Laternenpfähle pinkeln zu können, holen Zeitungen am Kiosk,
apportieren diese, werden mit Nahrung oder Knochen belohnt, jagen anderen Hunden
Knochen ab, beschnuppern markierte Laternen, werden von Hundefängern verfolgt
und buddeln Knochen ein. Eines der auffälligsten Merkmale jedes Hundelebens
jedoch, die Hinterlassenschaft von etwa drei Tonnen Kacke pro Hund auf dem
Trottoir, findet im Spiel keine Umsetzung.
Kaum ist die Schachtel ausgepackt, sind Kommentare über die «herzigen»
bemalten Hunde-Figürchen unvermeidlich, auf die sich die Spieler sogleich stürzen:
Schäferhund Rex, Labrador Struppi, Husky Rudi, Foxterrier Fritz und Boxerhündin
Susi finden Anklang, nur der weisse Pudel namens «Belle», dem die Spielerfarbe
Pink zugeordnet ist, will partout keinen Besitzer finden. Doch zu früh gefreut.
Alle Hunde kommen wieder in die Mitte, sie werden nämlich ausgelost, und dies
mit gutem Grund. Jeder Hund hat andere Fähigkeiten. Sieben Faktoren bestimmen
seinen Charakter: die Ausdauer beim Laufen, die Stärke beim Kämpfen, das
Geschick beim Mülleimer-Durchwühlen, der Charme beim Betteln, die Tüchtigkeit
beim Apportieren und schlaues Nutzen von Möglichkeiten, dem Hundefänger zu
entkommen oder das Tierheim zu verlassen.
So ist die hübsche Belle eine sehr erfolgreiche Bettlerin, Knochen werden ihr
aber schnell von anderen Hunden im Kampf wieder abgejagt. Der Charakter jedes
Hundes bestimmt die anzuwendende Strategie. Kartensätze, die es für jeden Hund
gibt, spielen dabei Schicksal. Will ein Hund zum Beispiel in einem Restaurant
betteln, deckt der Spieler die oberste Karte seines Stapels auf. Je nach Karte
erhält er gar nichts, einen Knochen oder ein bis drei Nahrungseinheiten.
Nahrung zu finden, ist existenziell. Hunde sind verfressen und immer hungrig.
Jeder verfügt über eine fünfstufige Skala, die seinen Hunger-Zustand angibt.
Fällt der Wert auf null, schläft das gute Tier ein und wandert sofort ins
Tierheim.
Jeder Spielzug ist dreigeteilt. Zunächst muss man seinen Hunger-Wert um eins
verringern. Dann hat man – je nach Hund – sechs bis acht Aktionspunkte zur
Verfügung, die nach Belieben für zwölf verschiedene mögliche Aktionen
(laufen, Mülleimer durchwühlen, apportieren, betteln, kämpfen, pinkeln usw.)
eingesetzt werden dürfen. Zum Schluss des Zuges bewegt man einen Hundefänger
gemäss gewürfelter Zahl durch die Stadt. Hunde in seiner Nähe laufen Gefahr,
zum Pausieren ins Tierheim gebracht zu werden. Ein wichtiges taktisches Element
ist das Markieren von Laternen mit «Pipi» (nur wer aus Brunnen getrunken hat,
ist dazu fähig). Kommt ein Hund an einem gegnerischen «Pipi» vorbei,
verfallen nämlich alle übrigen Aktionspunkte: Wie jedes anständige Exemplar
seiner Gattung verbringt er den Rest des Zuges damit, das Feld zu beschnuppern.
So kann man sein Revier sichern und Gegner ausbremsen.
«So ein Hundeleben» ist ein nettes, originelles Fun-Game für die ganze
Familie, das allerdings manchmal zu lange dauert, bis endlich ein Sieger
feststeht. Man sollte auch nie mit mehr als vier Leuten spielen. Zu viele Hunde
sind hier nicht des Hasen, sondern des Spieles Tod. Mit zu vielen Spielern wird
der Hundefänger zu stark, so dass ständig alle Hunde im Tierheim versammelt
sind und sich langweilen. Weshalb indes auf der Schachtel «ab 12 Jahren»
steht, ist unerklärlich. Neun- oder Zehnjährige sind gewitzt genug.
«So ein Hundeleben», Macht- und Wettlaufspiel von Christophe Boelinger für 2 bis 4 Spieler (nur bedingt für 5 oder 6 Spieler tauglich) ab 10 Jahren, Spieldauer: 90 bis 120 Minuten. Preis: etwa Fr. 59.–. Verlagsadresse: Eurogames Descartes, Schützenstrasse 38, D-78462 Konstanz. Internet: www.descartes-editeur.com
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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