Faites vos jeux  erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

Besiedeln, Managen, Versteigern und Taktieren

Selten haben die Spieleverlage so viele anspruchsvolle Spiele produziert wie 1999 – eine Auswahl zu Weihnachten

30 bis 40 Prozent des jährlichen Umsatzes mit Spielen werden im Weihnachtsgeschäft erzielt. Die Auswahl an qualitativ hochstehenden Neuerscheinungen war noch nie so gross wie 1999. Seit dem Erfolg von «Die Siedler von Catan», von dessen Grundspiel, Ausbausätzen, Erweiterungen und Kartenspielen seit 1995 gegen fünf Millionen Exemplare in 14 Sprachen verkauft worden sind, produzieren immer mehr Verlage anspruchsvolle, reich ausgestattete, schöne Spiele, um ein Kuchenstück am Markt zu ergattern.
Dieser Entwicklung hat der Kosmos-Verlag im Oktober mit Klaus Teubers «Die Sternenfahrer von Catan» die Krone aufgesetzt. Der Name und auch die Basismechanismen des Spiels stehen dabei in der Tradition von «Die Siedler von Catan». «Sternenfahrer» kostet zwar stolze 89 Franken, doch gemessen an der Ausstattung (unter anderem 200 Plasticteile und 152 Spielkarten) könne auch dieser Preis nur über die Mindestmenge von im voraus kalkulierten 100 000 Stück in die schwarzen Zahlen führen, rechnet Kosmos-Pressesprecher Fritz Gruber vor. Die Kalkulation ist aufgegangen. Bereits ist die Zweitauflage im Handel. Die Erstauflage von 70 000 Stück war nach zwei Wochen ausverkauft.
Die Catanier machen sich also daran, im Jahre 2700 den Weltraum zu besiedeln. Wie im Urspiel gibt es fünf Rohstoffe, die nun auf 33 Planeten produziert werden. Nach altem Brauch werden die Rohstoff-Erträge ausgewürfelt. Mit dem Eintausch von Rohstoffen in richtiger Zahl und Zusammensetzung können Raumschiffe ausgebaut und neue Handelsstationen und Kolonien errichtet werden. Zwei Elemente machen «Sternenfahrer» zu einem ganz neuen, eigenständigen Spiel. Mit Ereigniskärtchen wurde der Glücksfaktor erhöht, und die Spieler müssen mit ihren Raumschiffen über das Spielbrett zu den Planeten ziehen, um dort Kolonien mit neuen Produktionsstätten zu gründen. An einer 16-Zentimeter-Plastic-Rakete, dem sogenannten «Mutterschiff», werden Ausbauten wie Triebwerke und Bordkanonen gesteckt, die Vorteile bringen; jawohl: Bordkanonen gegen «Raumpiraten», womit die gewaltarme Political Correctness des Siedler-Urspiels etwas strapaziert wird. Werden die «Mutterschiffe» geschüttelt, fallen bunte Kügelchen in das Heck und bestimmen Zugweite und allfällige Begegnungen im Weltraum. Begegnungen werden mit Ereigniskärtchen abgehandelt, diese verleihen dem Spiel einerseits mehr Weltraum-Atmosphäre, können aber mit der Zeit bemühend werden, weil sie den Spielfluss hemmen. Das Spiel ist solide, recht unterhaltend und dauert gut und gern bis zu drei Stunden. Für «Siedler»-Fans mag es lustig sein, ein bewährtes Spielsystem immer wieder auf variierte Weise zu spielen. In unseren Spielrunden war die Reaktion auf «Sternenfahrer» allerdings etwas verhalten und auf einen Nenner zu bringen: je jünger die Mitspieler, desto begeisterter waren sie.

Aktienhandel und Eisenbahnen

Neben den sehr empfehlenswerten Wirtschaftsspielen «Giganten» (NZZ 4. 9. 99) und «Die Händler» (NZZ 18. 9. 99) ist dieses Jahr ein weiteres hochrangiges Spiel aus diesem Bereich erschienen: Alan R. Moons Eisenbahnspiel «Union Pacific». Es verbindet auf spannende Weise Aktienhandel mit Schienenbau. 131 kleine Plastic-Lokomotiven in zehn Farben warten in der Schachtel auf Eisenbahn-Manager. Auf einer Nordamerika-Karte müssen Strecken von zehn Eisenbahngesellschaften ausgebaut werden. Je grösser eine Strecke ist, die eine Gesellschaft befährt, desto höher ist der Wert ihrer Aktien. Wer zum Schluss am meisten Geld hat, gewinnt. Die Dynamik dieses Spiels ist äusserst prickelnd. Wenn man am Zug ist, darf man entweder mit dem Setzen von Lokomotiven Strecken ausbauen und den Aktienwert einer Gesellschaft damit erhöhen oder in neue Aktien investieren, aber nicht beides gleichzeitig. So kann es schon mal passieren, dass der erste Spieler durch den Ausbau der orangen «Empire State Line» deren Aktien wertvoller macht und der nächste ausgerechnet «Empire State Line»-Aktien ausspielt und dadurch die Mehrheit erhält. Viermal ist Zahltag. Dann gibt es für Spieler, die Mehrheiten an Firmen besitzen, Geld. Weil sich Mehrheiten ändern und der Zeitpunkt der Geldausschüttungen durch einen Zufallsfaktor bestimmt wird, herrscht dauernd Hochspannung am Tisch. «Union Pacific» ist zwar vielschichtig, aber doch nicht allzu komplex, so dass es sich als Familienspiel eignet. Besonders hervorzuheben ist auch die hervorragend strukturierte Spielregel, die alle Unwägbarkeiten klar erläutert.

Mayas und Ägypter

Ein sicherer Wert für die Weihnachtsbescherung ist auch das diesjährige Spiel des Jahres, «Tikal» (NZZ 26. 6. 99) aus dem Ravensburger- Verlag. In diesem prächtig gestalteten Brettspiel müssen bis zu vier Forschungsexpeditionen das Areal der Maya-Stätte in Tikal, von der bisher nur ein kleiner Teil ausgegraben ist, weiter erkunden, nach Schätzen graben und Tempel freilegen. Die Tempel bringt man unter seine Kontrolle, indem man die Mehrheiten von Figuren besitzt. Im Kampf um die lukrativsten Tempel wechseln die Besitzverhältnisse öfters. Hauptsächlich taktische Entscheidungen und nicht Glück befinden über Sieg und Niederlage. Die Mechanismen sind einfach, einprägsam und logisch.
«Ra»
ist ein im alten Ägypten angesiedeltes Versteigerungsspiel für Zocker und Pokerspieler, die das Risiko lieben. Das Spiel wirkt zunächst abstrakt, nach mehreren Durchgängen wird der höchst raffinierte Mechanismus allerdings durchschaubar. Plättchen werden ersteigert, die den Spielern in bestimmten Kombinationen Punkte einbringen. Eine Partie ist in drei Epochen unterteilt, jeder Spieler kann pro Epoche drei Versteigerungen gewinnen, dann muss er aussteigen. Er weiss allerdings nie, wie lukrativ die Angebote der nächsten Versteigerungen sein werden. Die schweisstreibende Entscheidung über den Zeitpunkt, wann man ins Spielgeschehen eingreifen will, macht den besonderen Reiz von «Ra» aus. Manchmal ist es besser, eine geringe Ausbeute auf sicher zu ersteigern, als gar keine. Epochen können sehr kurz oder unendlich lange dauern. Wer hoch pokert und zuwartet, kann leer ausgehen, aber auch ganz alleine unglaublich absahnen.
Definitiv nichts für Gelegenheitsspieler ist «Anno 1452» aus dem österreichischen Verlag Piatnik. Auch wenn auf der Packung etwas anderes steht, eine Partie dieses sehr strategischen, mittelalterlichen Eroberungsspiels kann schnell mal vier Stunden dauern. Es ist ein mit Ereigniskarten unterstütztes Strategiespiel, in dem Konflikte durch Würfel, ähnlich wie bei «Risiko», ausgefochten werden. «Anno 1452» ist jedoch wesentlich komplexer. Als mittelalterlicher Fürst versucht jeder mit einer Mischung aus diplomatischen, wirtschaftlichen und strategischen Entscheidungen, auf einer in 16 Gebiete unterteilten Landkarte zwischen Savoyen, Unteritalien, Böhmen und Lothringen bis ins Jahr 1452 die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu erringen. Bürger werden ins Spiel gebracht, Stadtrechte verliehen, Ehen geschlossen, Titel erworben und Kriege ausgefochten. Richtig Spass macht «Anno 1452» nur, wenn die Feinheiten ausgelotet, Bündnisse eingegangen, Verhandlungen geführt und Intrigen geschmiedet werden, wozu sehr erfahrene Spieler notwendig sind. Leider ist die Spielregel der Erstauflage sehr schwach. Piatnik hat aber für die Zweitauflage im Frühling eine verbesserte Fassung angekündigt.

Neues zu «Anno Domini»

Strategiespiele sind nicht jedermanns Sache. Spiele bei denen Wissen, Kreativität, psychologische Einschätzung oder manuelle Fähigkeiten gefragt werden, sind oft auch bei Nichtspielern beliebt. Von «Anno Domini» sind soeben drei neue Erweiterungen erschienen, die den Themen «Erfindungen», «Seefahrer» und «Frauen» gewidmet sind. Bekannte und unbekannte historische Ereignisse wie «Die erste Frau erreicht den Nordpol», «Die Amerikanerin Nancy Johnson erfindet einen tragbaren Apparat zur Speiseeisherstellung», oder «Die Touristin Hope Cooke aus New York wird Königin von Sikkim im Himalaja» müssen dabei auf einer Zeitachse eingeordnet werden. Gefragt ist nicht das Wissen um Jahreszahlen, sondern schätzen, rätseln, bluffen und zweifeln. Wer zuerst alle seine Ereigniskärtchen los ist, gewinnt. Wer an der Reihe ist, darf ein Ereignis legen oder die bisher gelegte Ereigniskette anzweifeln. Für falsch gelegte oder falsch angezweifelte Ereignisse gibt es neue Ereigniskärtchen in die Hand. Der Berner Urs Hostettler hat «Anno Domini» als Kartenspiel für Fata-Morgana-Spiele entwickelt. Von NZZ Online wurde das Spiel zu einer Internetversion umgesetzt, die ab 6. Dezember mit der Möglichkeit, eine persönliche Rangliste zu führen, wieder läuft, und zwar über http:// www.nzz.ch/ad.
Wer lieber schöne Spiele anschaut und über sie liest, als immer nur zu spielen, der sollte sich unbedingt «Das Spiele-Buch» von Erwin Glonnegger gönnen, eine über 290seitige, durchgehend farbig bebilderte Geschichte des Spiels, die Auskunft über Herkunft und Regeln der bekanntesten Spiele aus aller Welt und allen Epochen gibt, von «Go» über «Monopoly» bis «Tikal». Das Buch ist ausserordentlich schön gestaltet und macht Lust auf blosses Blättern, Staunen und Schwelgen. Der Autor ist einer der anerkanntesten Spielekenner Deutschlands. Er leitete lange Jahre den Ravensburger-Spieleverlag.

«Die Sternenfahrer von Catan», Machtspiel von Klaus Teuber für 3 oder 4 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer: 2 bis 3 Stunden, etwa Fr. 89.–. Verlag: Kosmos. Vertrieb in der Schweiz: Lemaco SA, Chemin du Croset 9, 1024 Ecublens.
«Union Pacific», Wirtschaftsspiel von Alan R. Moon für 2 bis 6 Spieler ab 12 Jahren. Spieldauer: etwa 90 bis 120 Minuten, etwa Fr. 60.–. Verlag: Amigo. Vertrieb in der Schweiz: Carletto AG, Einsiedlerstrasse 31a, 8820 Wädenswil.

«Tikal», Machtspiel von Wolfgang Kramer und Michael Kiesling für 2 bis 4 Spieler ab 10 Jahren. Spieldauer: etwa 2 Stunden. Preis: Fr. 59.–. Verlag: Ravensburger. Carlit & Ravensburger AG, Grundstrasse 9, 5436 Würenlos.

«Ra», Versteigerungsspiel von Reiner Knizia für 3 bis 5 Spieler ab 12 Jahren. Dauer: 60 Minuten. Preis: 49.–. Verlag: Alea. Carlit & Ravensburger AG, Grundstrasse 9. 5436 Würenlos.
«Anno 1452», Machtspiel von Gerhard Kodys für 2 bis 4 Spieler ab 12 Jahren, Spieldauer: 2 bis 4 Stunden. etwa Fr. 60.–. Verlag: Piatnik. Vertrieb in der Schweiz: Roco Modellspielwaren GmbH, Balgacherstrasse 14, 9445 Rebstein.
«Anno Domini», Frage- und Bluffspiel von Urs Hostettler, für 2 bis 10 Spiele ab 10 Jahren. Dauer: 30 bis 60 Minuten, etwa 20 Franken pro Ausgabe. Verlag: Fata Morgana, Güterstrasse 32, 3008 Bern, www.fatamorgana.ch.
«Das Spiele-Buch, Brett- und Legespiele aus aller Welt, Herkunft, Regeln und Geschichte» von Erwin Glonnegger, erschienen im Drei-Magier-Verlag, Uehlfeld 1999, Fr. 46.–.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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