Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

«Tikal» – Ausgrabungen im guatemaltekischen Regenwald

tom. Tikal – Dieser Name steht für einen der eindrücklichsten Augenblicke meines Lebens. Während einer dreimonatigen Mittelamerika- Reise erwachte ich an einem Morgen in schwindelerregender Höhe auf «Templo IV» der ehemaligen Mayastadt Tikal in Guatemala. Über schmale, rostige Leitern waren wir unter kundiger Führung in stockdunkler Nacht auf die 68 Meter hohe Tempelpyramide geklettert, um einen der schönsten Sonnenaufgänge zu bestaunen, welche diese Welt zu bieten hat. Ringsherum war nur dampfender Regenwald, so weit das Auge reichte. Dann tauchte die Sonne auf, hinter einer nahen Tempelruine, die wie ein grosser Zahn aus dem grünen Blätterdach emporragte. Der Urwald wurde in smaragdfarbenen Glanz getaucht, Brüllaffen schrien, Papageien krächzten, und die Gedanken wurden immer sentimentaler, schweiften schliesslich zur daheim gebliebenen Freundin, mit der man diesen Moment gern geteilt hätte, nichtsahnend, dass sie ihr Herz während der langen Abwesenheit längst weiterverschenkt hatte. Unvergessen auch, wie sie später beim Auszug aus der gemeinsamen Wohnung ein paar der schönsten Spiele mitnahm. Doch das ist schon lange her.

«Tikal» ist auch der Name eines Spiels, das dieses Jahr neben «Giganten» und «Union Pacific» für den Preis «Spiel des Jahres» nominiert worden ist. Der endgültige Preisträger wird an diesem Wochenende in Berlin bekanntgegeben. «Tikal» ist ein prächtig gestaltetes Spiel, in dem bis zu vier Forschungsexpeditionen das Areal der bedeutendsten und grössten aller Maya-Stätten, von denen bisher nur ein kleiner Bruchteil ausgegraben worden ist, weiter erkunden sollen. Neue Tempelpyramiden sollen freigelegt und wertvolle Schätze gehoben werden. Nur selten überzeugt die spielerische Umsetzung eines Themas derart. Hut ab vor den Autoren Wolfgang Kramer und Michael Kiesling und den Redakteuren des Ravensburger-Verlags, wo erstmals seit mehreren flauen Jahren wieder ein Spiel erschienen ist, das in seiner Qualität an die Erfolge der 80er Jahre erinnert. Schüttelt man die schönen Holzfiguren und Kartonteile aus der Packung und schlägt die Spielregel auf, entsteht zunächst zwar der falsche Eindruck, man könnte es mit einem komplizierten Spiel zu tun haben. Dem ist aber überhaupt nicht so. Der Mechanismus ist einfach, einprägsam und logisch. Die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten erklären sich aus dem Ablauf fast von selbst und sind auch auf einer kleinen Übersichtskarte, die jeder erhält, anschaulich dargestellt. Der Spielplan ist in sechseckige Felder unterteilt. Zu Beginn sind erst zwei Tempel entdeckt. Wer an der Reihe ist, darf ein sechseckiges Geländefeld an das bereits offenliegende Areal anlegen, wodurch immer weitere verborgene Tempel, Schatzfelder und Vulkane, aber auch leerer Wald ans Tageslicht kommen. Im Basis-Spiel werden diese Geländekärtchen verdeckt gezogen, in der Version für Fortgeschrittene, die das Spiel wesentlich bereichert, wird darum gesteigert. Dadurch wird der Glücksfaktor erheblich gemindert, und es kommt mehr taktische Balance ins Spiel.

Nach dem Legen eines Geländefelds hat man stets zehn Aktionspunkte zur Verfügung, die nach Belieben für sieben verschiedene Handlungsmöglichkeiten verwendet werden können. Jede Aktion verschlingt eine bestimmte Anzahl von Punkten. Man darf unter anderem neue Camps errichten, Figuren in ein Camp setzen, Figuren bewegen, neue Tempelstufen freilegen und Schätze heben. Im Verlaufe des Spiels kommt es zu vier Wertungen. Gewertet werden die ausgehobenen Schätze sowie die Tempel, die man zum Zeitpunkt der Wertung unter seiner Kontrolle hat, wenn man die Figurenmehrheit im entsprechenden Feld besitzt. Je mehr Stufen freigelegt sind, desto wertvoller ist ein Tempel. Im Kampf um die lukrativsten Tempel wechseln die Besitzverhältnisse ständig. Es ist auch möglich, Tempel für immer in Besitz zu nehmen. Dann kann man allerdings ihren Wert nie mehr erhöhen.

Es sind vor allem die eigenen taktischen Entscheidungen, welche in «Tikal» über Sieg und Niederlage entscheiden. Während einer Partie herrscht am Tisch knisternde Spannung. Trotz der rund zweistündigen Spieldauer fiebern alle aufgeregt mit, als gelte es tatsächlich, eine neue, eigene Welt zu erschliessen. Am meisten hat mich überrascht, dass «Tikal» vor allem auch jenen Frauen gefällt, die normalerweise keine Fans von taktischen Spielen sind. Jedes taktische Spiel hat leider den Makel, dass Mitspieler minutenlang brüten können, um ihren optimalen Zug zu finden. In einem Spielerforum auf dem Internet wurde «Tikal» deshalb auch schon als das beste Spiel des Jahres bezeichnet, bei dem man zwischen den Zügen noch geruhsam ein anderes Spiel spielen könnte. Das hat leider ein Körnchen Wahrheit. Seinen Zug kann man nämlich erst wirklich planen, wenn der vorhergehende Spieler den seinen beendet hat. Trotzdem, wie immer die Wahl in Berlin ausfallen mag, für mich ist «Tikal» das Spiel des Jahres. Und falls jemals wieder eine Partnerin aus meiner Wohnung ausziehen sollte, dieses Spiel bekommt sie ganz bestimmt nicht.

Tikal. Taktisches Legespiel von Wolfgang Kramer und Michael Kiesling für 2 bis 4 Spieler ab 10 Jahren. Verlag: Ravensburger, Spieldauer: 2 Stunden. Preis: etwa 60 bis 70 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Carlit & Ravensbuger AG, Grundstr. 9, 5436 Würenlos.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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