Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

«Das offizielle Tour-de-France-Spiel»: Würfeln bis zum Muskelkater

 tom. Eine gute körperliche Verfassung ist nicht Bedingung, aber von Vorteil. 4,8 Kilogramm wiegt «Das offizielle Tour-de-France-Spiel» des dänischen Herstellers Kleo Games. Über 1000 Einzelteile befinden sich darin: Farbige Porträtkarten aktueller Rennfahrer, 180 Karton-Trikots, die als Spielfiguren dienen, 62 Strassenteile, mit denen man Etappen nachbauen kann, Fähnchen, Würfel, Ereigniskarten und sogar ein Triumphbogen und ein Eiffelturm aus Pappe, die man zur Steigerung der Rennatmosphäre aufstellen darf. Da trifft es sich gut, dass man gerade Ferien hat und als Hobby-Radler zweieinhalb Wochen quer durch die Alpen fährt. Vom euphorischen Plan, tagsüber mit dem Velo über die Pässe zu schwitzen und abends für das Gemüt jeweils eine Etappe am Brett zu spielen, wird aber innert Kürze abgewichen, und die 4,8 Kilo landen auf Nimmerwiedersehen zuunterst im Feriengepäck. Denn das Spiel ist schlichtweg zum Gähnen.
Wenn ein Laie ein Spiel erfindet, geht es dabei meistens darum, zu würfeln, Figuren über einen Rundkurs zu bewegen und Ereigniskarten zu ziehen, durch die man Felder vorrücken oder Runden aussetzen muss. Genau so ein Spiel ist «Das offizielle Tour-de-France-Spiel»; eine dröge Würfelorgie. Die einzigen taktischen Entscheidungen bestehen darin, sogenannte Chance- und Sprint- Kärtchen, die man rein zufällig erhält, wenn man auf Feldern mit Fähnchen landet, irgendwann mal einzusetzen. Das Ganze wird noch dadurch kompliziert, dass jeder Fahrer je nach Geländeart (Abfahrt, Ebene, Steigung) in fünfzehn verschiedenen Tempi fahren kann, die ständig auf der Porträtkarte eingestellt und verändert werden müssen. Würfelt beispielsweise Mario Cipollini auf ebener Strecke im Tempo 5 eine 4, darf er 6 Felder weit fahren. Leider werden diese Tempi fast ausschliesslich durch Würfeln und nicht durch eigene Taktik bestimmt.
Je nachdem, wie viele Fahrer man in seinem Team mitfahren lässt, dauert eine Etappe zwei bis unendlich viele Stunden. So lange lässt sich jedoch mit einem derart dünnen Mechanismus kein spannendes Spiel aufrechterhalten. Da ist es schlauer, man erkürt gleich zu Beginn jenen Spieler zum Tour-de-France-Sieger, der mit einem Würfel eine 6 wirft. Dann hat man 50 Stunden gespart. Wem das Ausüben der spezifischen Handbewegung des Würfelns allerdings einen besonderen Kick verleiht, der kann auch gut monatelang in der Gummizelle ganz alleine spielen.
«. . . was jeden Spieler am meisten begeistern wird, ist, dass das Spiel so ausserordentlich realistisch ist und die Bedingungen der wahren Tour de France so wirklichkeitsgetreu reproduziert», steht im Werbeprospekt. Da haben die Macher ganz einfach übersehen, dass es nicht darum geht, ein möglichst wirklichkeitsgetreues, sondern ein möglichst spannendes und spielbares Spiel zu kreieren. Abgesehen davon: was hat es mit wirklichem Radsport zu tun, wenn ein Spieler in den «Zeitfahren» würfelt, würfelt, würfelt, würfelt und würfelt und anschliessend die Anzahl der Würfe zählt, die er gebraucht hat, um die Figur über die Strecke zu ziehen? Als sechsjähriger Bub habe ich so etwas schon nicht mehr lustig gefunden. «Das offizielle Tour-de-France-Spiel» wurde offenbar nicht von Leuten entwickelt, die gerne spielen und etwas von Spielen verstehen, sondern wohl eher von Marketing-Experten und Velofreunden. Es ist zwar schön anzusehen, Sammler werden vielleicht die über 100 Franken dafür ausgeben. Für Leute, die gerne spielen, ist es aber absolut ärgerlich und ungeeignet.
Das Spiel wird in zwei Schachteln geliefert: einem Grundspiel und einem Ergänzungspaket mit den Fahrern, Teams und Streckenplänen der Originaletappen der Tour de France eines bestimmten Jahres. Kleo Games verfügt über einen Lizenzvertrag mit dem Recht, Namen und Logos der Tour zu benützen. Das Paket zur jetzigen Tour soll im Frühjahr 2000 erscheinen. Allerdings ist man bisher nicht mit allen Teams handelseinig. In der Ausgabe 1998 sind nur 12 der 21 Teams der Tour 1998 enthalten, darunter Telekom, Mercatone Uno-Bianchi, Banesto, Casino, Saeco und Mapei, es fehlen unter anderen Cofidis, Rabobank, Once, Kelme und natürlich Festina.
In zeitaufwendiger Puzzle-Arbeit muss vor jedem Spiel erst einmal die Etappe aufgebaut werden, deren Streckenprofil in einem mitgelieferten Tour-Guide exakt verzeichnet ist. Die Etappen stimmen in ihrer Länge, den Standorten der Sprint- und Bergwertungen sowie dem Streckenprofil mit den wirklichen Tour-de-France-Etappen überein. Jedes Feld entspricht einem Kilometer. Gleich in sieben verschiedenen Sprachausgaben ist die Erstauflage gedruckt. Die deutsche Übersetzung lässt allerdings schwer zu wünschen übrig. So muss man herausfinden, dass das Wort «Schlag» eigentlich «Wurf» bedeutet. Vorläufig wird das Spiel vor allem in Frankreich, Dänemark und Deutschland verkauft. Einen Vertrieb in der Schweiz gibt es noch nicht.

«Das offizielle Tour-de-France-Brettspiel», Autoren nicht genannt, vom Verlagsteam Kleo Games entwickelt. Würfelspiel für (laut Hersteller) bis zu 32 Spieler ab 8 Jahren. Dauer: eine Etappe 2 bis 4 Stunden, Gesamtspiel über 50 Stunden. Preis in Deutschland: 129 Mark. Verlagsadresse: Kleo Games A/S, Gartnerivej 31, DK-7500 Holstebro, Telefon (0045) 70 232 132. Internet: www.kleo-games.dk


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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