Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Trans America»: fremde Gleise nutzen
tom. Mit einem Format von 22,5 mal 22,5
Zentimetern und einer Schachteltiefe von 5 Zentimetern passt das Spiel in jede
Freitag-Tasche und in jedes Feriengepäck. Die Regel steht auf einem einzigen
doppelseitigen Blatt, ist in zwei Minuten fünfzehn Sekunden durchgelesen und in
drei Minuten kapiert. Eine Partie dauert zwanzig, vielleicht dreissig Minuten.
Das Spiel hat einen einfachen, klaren Spielverlauf, bleibt trotzdem nach vielen
Durchgängen interessant und kann süchtig machen. Man kann es überall,
jederzeit und jedem auftischen, es ist für Familien geeignet und funktioniert
mit jeder Spieleranzahl von zwei bis sechs; vier bis sechs sind ideal. Es ist
das ultimative Spiel für die heutige Zeit, in der sich niemand mehr anstrengen
will und niemand mehr Zeit hat.
Die Rede ist von «Trans America» von Franz-Benno Delonge, das dieses Jahr als
eines von drei Spielen für die Auszeichnung «Spiel des Jahres» nominiert war,
aber bei der Wahl «Villa Paletti» (NZZ 19. 1. 2002) den Vortritt lassen musste
(zum «Kinderspiel des Jahres» wurde am 22. Juni in Berlin «Maskenball der Käfer»
gewählt). «Trans America» ist ein Eisenbahnspiel. Auf einer Landkarte
Amerikas, mit der man nebenbei noch etwas Geographie lernt, müssen zur
amerikanischen Pionierzeit Schienennetze gebaut werden. 35 Städte warten auf
Anschlüsse. Sie sind nach regionaler Zugehörigkeit in fünf Farben unterteilt.
Von jeder Stadt gibt es eine Spielkarte. Nach dem Mischen der Karten muss jeder
Schienenleger eine Karte von jeder Farbe verdeckt nehmen und ansehen. Das sind
die Städte, die er verbinden soll, und zwar bevor die Gegner reüssieren. Wer
Seattle im äussersten Nordwesten, Buffalo im Nordosten, Jacksonville im Südosten,
Phoenix im Südwesten und dazu vielleicht noch Omaha zieht, macht zwar zunächst
mal ein langes Gesicht, hat aber dennoch Gewinnchancen.
Auf der Landkarte ist ein engmaschiges Netz von möglichen Eisenbahnverbindungen
dargestellt. Von jedem Kreuzungspunkt des Spielplans, der sich nicht am
Spielfeldrand befindet, sind Fortsetzungen in sechs Richtungen möglich. Zuerst
wählt jeder Spieler reihum einen Startort. Wer an der Reihe ist, darf dann zwei
dünne Holzstäbchen – die Schienen – auf flachem Gelände legen. Überquert
er Gebirge oder Flüsse, kommt er nicht so hurtig voran und darf nur ein Stäbchen
placieren. Jede Schiene muss immer über Schienen mit dem eigenen Startstein
verbunden sein. Man darf dabei an jeder Stelle vom eigenen Netz abzweigen.
Spieler dürfen sich an fremde Schienennetze anbinden und diese dann wie ihre
eigenen nutzen. Sind alle fünf Städte eines Spielers verbunden, endet ein
Durchgang. Dies passiert meist ausgerechnet dann, wenn man im nächsten Zug
gerade selber fertig wäre. Man sitzt fiebernd da, hofft, noch einmal an die
Reihe zu kommen, und schon schnappt einem ein anderer den Sieg weg. Das ruft
nach Revanche! Die übrigen Spieler erhalten Minuspunkte für fehlende Schienen.
Eine Partie endet nach mehreren Durchgängen.
«Trans America» ist zwar erfrischend einfach, hat aber durchaus taktische
Elemente. Wo wähle ich meinen Startort, wann schliesse ich mich einem anderen
Schienennetz an? Davon hängt vor allem ab, ob und wie ich von meinen
Mitspielern profitieren kann. Wer ganz alleine vor sich hin werkelt, ist immer
zu spät und wird vom Leben bestraft. Auch die Wahrscheinlichkeitsrechnung kann
man sich zunutze machen, um zu erahnen, wo die Mitspieler bauen müssen. Eine
reine Glückssache ist «Trans America» nicht, wie notorische Verlierer gerne
behaupten mögen. Intellektuell anspruchsvoll ist es aber auch nicht. Es ist ein
bisschen wie beim Jassen (mit dem «Trans America» vom Spielprinzip her aber
rein gar nichts zu tun hat): Man bekommt vom Zufall seine Karten zugeteilt und
muss damit das Beste anfangen. Wer etwas gewitzter ist, durchschaut seine
Mitspieler, mit schlechten Karten kann man nicht wirklich viel ausrichten, die
Partie ist schnell vorbei, und man bekommt sofort wieder eine neue Chance. Das
ist auch das Schöne an «Trans America». Man kann sich wirklich stunden- und
sogar tagelang damit vergnügen, ohne dass es anstrengend wird.
«Trans America»: Legespiel von Franz-Benno Delonge für 2 bis 6 Spieler ab 8 Jahren. Spieldauer: etwa 30 Minuten. Verlag: Winning Moves. Preis: etwa 33 Franken. Vertrieb in der Schweiz: AGM AG Müller, Bahnhofstr. 21, 8212 Neuhausen am Rheinfall. Internet: www.winning-moves.de/transamerica.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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