Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Turfmaster»: Wer mit dem Handicap zu hoch pokert, bleibt stehen
tom. Viele Spielverlage haben ihr Sortiment
ganz offensichtlich auf Vier-Personen-Familien mit Mutter, Vater und zwei
Kindern ausgerichtet. Bereits bei fünf Spielwilligen muss manches an sich gute
Spiel im Regal verharren. Das beginnt beim klassischen Eile mit Weile und endet
beim diesjährigen Spiel des Jahres, «Tikal». Wenn man mit sieben Brüdern und
Schwestern aufgewachsen ist, hat man diese Verlagspolitik schon als Kind nicht
verstanden. Viel hat sich seither nicht geändert. Nach wie vor gilt: Finden
sieben oder acht Leute zu einem Spielabend zusammen, dann bleibt nur, sich in
zwei Gruppen aufzuteilen oder sich mit Kommunikations-Spielen wie «Tabu», «Nobody
is perfect» oder «Personality» bei Laune zu halten. Da kommt es doch einer
Erlösung gleich, wenn man auf der Schachtel eines Pferderennspiels namens «Turfmaster»,
das den Eindruck eines taktischen Spiels verbreitet, «das Galoppereignis für 2
bis 8 Personen» liest.
Pferderennspiele sind nichts Aussergewöhnliches. Bereits im 19. Jahrhundert
gaben Pferderennen die ersten Vorlagen für Wettrennspiele ab. Die Flut von
Pferderennspielen ist über die Jahrzehnte unüberschaubar geworden. Viele davon
werden längst nicht mehr produziert, aber trotzdem gerne immer wieder
hervorgeholt; dazu gehören «Jockey» von Peter B. Murray und Steven T. Spencer
(Ravensburger), «Ave Cäsar» von Wolfgang Riedesser (Ravensburger) oder «Favoriten»
von Walter Müller (Walter-Müller- Verlag).
Nun hat sich mit Albrecht Nolte ein blutiger Amateur daran gemacht, selber ein
Pferderennspiel zu erfinden und im Eigenverlag herauszugeben. Das Resultat sieht
nicht nur höchst professionell und besser aus als vieles, was von
alteingesessenen Verlagen auf den Markt geworfen wird, das Spiel ist auch in
seiner Dynamik zwischen Taktik und Glück höchst ausgewogen und voll
knisternder Spannung, obwohl es ohne jegliche Wettelemente auskommt. Und, wie
gesagt, es eignet sich vorzüglich für bis zu acht Spieler, auch wenn die
Variante, bei der vier Spieler je zwei Pferde führen, die meiste Taktik birgt.
Der Wermutstropfen ist allerdings ein hoher Preis von gegen 100 Franken, der
durch die kleine Auflage und die edle Ausstattung begründet ist, sowie die
schwere Erhältlichkeit des Spiels in der Schweiz.
Eine Partie «Turfmaster» geht über drei Rennen. Jeder Spieler hat ein eigenes
Kartenset mit 32 Spielkarten zur Verfügung. Die einzelnen Karten bringen die
Pferde zwischen drei und zwölf Felder weit. Da sie für alle drei Rennen
reichen müssen, bekommt jeder Jockey pro Rennen 10 Karten zufällig. Die beiden
restlichen Karten darf man sich nach Bedarf irgendwann im Spiel als Bonus geben
lassen. Jedes Pferd hat damit für jedes Rennen eine unterschiedliche, für das
gesamte Spiel aber identische Ausgangslage. Es versteht sich von selber, dass
die Karten während des Spiels möglichst optimal eingesetzt werden müssen, was
durch eine originelle Handicap- Regel ein grosses Potential an Raffinement
birgt. Wer in Führung liegt, darf maximal eine Karte mit dem Wert acht
ausspielen, ein Pferd an zweiter Stelle darf maximal neun, und eines an dritter
Stelle maximal zehn Galoppsprünge machen. Bald merkt man, dass viele hohe Werte
in der Hand den Braten gar nicht so feiss machen.
Durch die Handicap-Regel ist gewährleistet, dass die Pferde relativ dicht
beieinander bleiben und es bis zum Schluss spannend bleibt. Allerdings ist Überholen
nicht einfach, pro Zug können im besten Fall nur zwei Spuren gewechselt werden.
Hinten liegende fremde Pferde sind leicht auszubremsen, Punkte verfallen
manchmal. Im Zieleinlauf kann das sogar dazu führen, dass ein hintenliegendes
Pferd zwar mit der stärksten Karte theoretisch in Führung gehen könnte, aber
– wie im richtigen Leben – ganz einfach nicht an den anderen Pferden
vorbeikommt. Planung ist ein entscheidender Faktor eines erfolgreichen Jockeys.
Konzentration in jeder Rennphase ist ebenfalls gefragt. Wer eine Karte mit einem
höheren Wert, als ihm durch das Handicap erlaubt ist, ausspielt, der bleibt nämlich
stehen, was die Gegner ungemein freut. Nicht immer ist dadurch das Rennen
bereits verloren.
Auf jede «Kartenphase» folgt eine «Würfelphase». Ein Spieler würfelt mit
zwei Würfeln und muss danach entscheiden, welchen Wert alle Pferde ziehen müssen:
entweder die Zahl eines einzelnen Würfels oder die Summer beider Würfel. Durch
diesen Mechanismus weiss niemand genau, wie lange ein Rennen dauert. Wer in der
Endphase die Zahl auswählen darf, kann den Rennausgang allerdings zu stark
beeinflussen. Auch hier gelten die Handicap-Regeln: Wer mit der Summe über dem
Handicap liegt, darf nur den Wert eines Würfels ziehen. Ein Glücksspiel ist «Turfmaster»
sicher nicht, was nach mehreren Partien, in denen immer wieder die gleichen
Leute vorne liegen, offensichtlich wird. Für die Plätze werden am Ende jeden
Rennens Punkte verteilt. Wer nach drei Rennen am meisten Punkte gesammelt hat,
gewinnt. In der Schachtel liegen auch noch sechs Hürden bereit, die eine
Profi-Spielvariante erlauben. Zudem ist ein Ausbauset mit zwei neuen
Rennstrecken lieferbar.
«Turfmaster», Wettlaufspiel von Albrecht Nolte, für 2 bis 8 Spieler ab 12 Jahren, Verlag: Aza-Spiele. Spieldauer: bis zu zwei Stunden. Preis: etwa Fr. 100.–. Verlagsadresse: Aza-Spiele, Schnutenhausstr. 3, D-45136 Essen. www.turfmaster.de.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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