Erschienen in der Weltwoche
Zug um Zug zum Eisenbahnbaron
Beginnt das Eisenbahnzeitalter erst? Oder hat die
Bahn ihre Zukunft schon längst hinter sich? Experten streiten seit längerem über diese
verkehrspolitische Grundsatzfrage. Eines scheint aber sicher zu sein: Eisenbahnbarone, wie
zum Beispiel der berühmte Konrad Escher von der
Linth, wird es keine mehr geben. Höchste Zeit also, dass ein Spiel auf den Markt kommt,
in dem es das oberste Ziel ist, sich Zug um Zug das
Renommé eines Eisenbahnkönigs zu verschaffen.
«Union Pacific» spielt, wie der Titel schon sagt, in Nordamerika. Dieser Kontinent gilt
- wie in der Wirklichkeit - im Spiel immer auch als Land
der unbegrenzten Möglichkeiten. So lässt die Weite der Landschaft beinahe unendlich
lange Schienennetze zu, was mit eine Voraussetzung
dafür ist, dass Eisenbahngesellschaften im Verlauf des Spiels lukrativer werden. Jede
Verbindung zwischen zwei Städten - markiert durch eine je nach Gesellschaft mit einer
anderen Farbe markierten Lokomotive - wirft eine Million ab. Wer das Netz einer
Gesellschaft ausbaut, darf als
Belohnung eine Aktienkarte aufnehmen. Wer auf den Ausbau verzichtet, kann stattdessen
investieren, das heisst, eine bestimmte Zahl Aktienkarten auslegen. Solche Investitionen
sind nötig, weil Aktienkarten, die man bei den Abrechnungen noch in der Hand hat, nichts
bringen.
Wer zum Eisenbahnbaron gekrönt werden will, muss seine Investitionen so tätigen, dass er
bei den gewinnträchtigsten Eisenbahnen immer die
Aktienmehrheit besitzt - das Erfolgsrezept jedes tüchtigen Anlegers. Was aber, wenn alle
sechs Spieler am gleichen Tisch das gleiche wollen? Dann versucht jeder, den anderen
auszutricksen, indem er mit seinen Investitionen so lange zuwartet, bis er dann mit einem
Schlag die
Mehrheit erobert. Das sind, vor allem vor der vierten Abrechnung und damit vor Spielende,
die schönsten Überraschungsmomente in «Union
Pacific», die in jeder Runde zu Diskussionen und Schadenfreude Anlass geben. Denn es kann
vorkommen, dass der Gewinner der 20-Millionen-Prämie für die attraktiven Union-Pacific
Aktien erst kurz vor der Schlussabrechnung feststeht.
«Union Pacific» eignet sich ausgezeichnet für Gruppen, in denen Zwölfjährige mit
Erwachsenen spielen. In der Regel machen Familien um
Eisenbahnspiele mit wirtschaftlichem Hintergrund einen grossen Bogen. Zu schwierig? Zu
technokratisch? «Union Pacific», in dem der Amerikaner Alan Moon, der letztes Jahr mit
«Elfenland" den begehrten Titel «Spiel des Jahres» gewonnen hat, sein früheres
Spiel «Airlines» verpackt hat, kann dazu beitragen, solche Bedenken aus dem Weg zu
schaffen. Die Spielanleitung ist verständlich geschrieben, die Regeln sind einfach, die
Abläufe auf dem Brett transparent: Ob man nun auf die «Miami Southern» setzt oder die
«Billings Northern Light» - Konrad Escher hatte es garantiert schwerer, Eisenbahnbaron
in der Schweiz zu werden. Und ob der den gleichen Spass an der Sache hatte, wagen wir zu
bezweifeln.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Synes Ernst im toy-net.ch. - Weitere
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