Neue Zürcher Zeitung LEBENSART

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 «Ursuppe»: Harter Überlebenskampf genmanipulierter Amöben

tom. Fressen, Stuhlgang, Vermehren, Sterben: der ereignisreiche Lebensalltag urzeitlicher Amöben liegt als Thema dem Spiel «Ursuppe» zugrunde, das im Eigenverlag von Doris Matthäus und Frank Nestel erschienen ist. Doris Matthäus ist Graphik-Designerin und hat viele bekannte Spiele wie «El Grande» oder «Euphrat & Tigris» graphisch gestaltet, ihr Lebenspartner Nestel ist Mathematiker. In ihrer Freizeit entwickeln die beiden eigene Spiele. 1996 schaffte ihr Kartenspiel «Mü & mehr» den Sprung auf die Auswahlliste zum «Spiel des Jahres». Ihrem neuesten Spiel, «Ursuppe», blieb diese Ehre dieses Jahr vergönnt, obwohl das Spiel grossen Anklang in Spieleklubs fand. Es galt bald als eine der witzigsten Spiel-Kreationen dieses Jahrgangs. Wegen unerwartet grosser Nachfrage sind die Kleinauflagen in den Läden immer wieder ausverkauft.
Figuren und Kleinteile sind aus Holz gefertigt. Die Amöben sehen aber nicht aus wie Amöben. Sie verdanken ihre Form rein spieltechnischen Anforderungen. Sie bestehen aus einer farbigen Scheibe, aus deren Mitte ein Stäbchen ragt. Die Stäbchen werden im Spiel mit Perlen bestückt, was zwar recht flott aussieht, jedoch den erlittenen Schaden der Amöbe dokumentiert. Amöben mit zwei Schadenspunkten segnen das Zeitliche.
Die «Ursuppe» ist auf dem Spielplan in 19 Felder unterteilt, jedes Feld ist zu Beginn mit «Nährstoffen» angereichert. Vier verschiedene Nährstoffsorten sind durch Farben dargestellt, die den Spielerfarben entsprechen. Jeder Spieler startet seine Zucht mit zwei Amöben. Da die Amöben zu Beginn des Spiels unterentwickelt sind und keine speziellen Fähigkeiten haben, können sie die Richtung ihrer Bewegungen nicht bestimmen. Sie zappeln (ein Würfel bestimmt zufällig die Richtung) oder lassen sich in der jeweilige Windrichtung, die durch eine «Umweltkarte» definiert wird, in der Brühe treiben.
Jetzt kommt die Hauptsache: nach der Bewegung muss jede Amöbe auf dem Ankunftsfeld drei verschiedene Nährstoffe fressen, aber keinen ihrer eigenen Farbe. Sodann scheidet sie zwei Nährstoffe der eigenen Farbe aus. Das verknappt das Nahrungsangebot relativ schnell. Anzahl und Farben der Nährstoffe in der «Ursuppe» wechseln ständig. Amöben ohne artgerechte Ernährung «hungern» und erhalten einen Schadenspunkt. Im Spiel vermehren sich die Amöben nicht nur,
sie werden auch einer rasanten Evolution unterworfen. Ihre Gene verändern sich, und dies – den Befürworten der Genschutzinitiative wird das nackte Grausen kommen – durch die Entscheidungsgewalt jedes Spielers. Es gibt 20 verschiedene «Genkarten» zu kaufen, die ihre Eigenschaften auf die Amöben übertragen. Gene ermöglichen zum Beispiel, dass Amöben nur zwei Nährstoffe zur Ernährung brauchen, dass sie die Richtung ihrer Bewegung bestimmen können, dass sie länger leben oder dass sie gar andere Amöben fressen können. Der Kauf von Genen ist die wichtigste Entscheidung. Weil jedes Gen in beschränkter Anzahl im Angebot ist, muss jeder Spieler eine andere Strategie entwickeln. Dadurch entstehen unterschiedlichste Amöbenstämme mit verschiedensten Eigenschaften. Es gilt ausserdem: je mehr Genkarten, desto anfälliger sind die Amöben auf Strahlung und erleiden Gendefekte. Das verhindert, dass man Gene hamstern kann. Es ist das Bestreben jedes Spielers, möglichst viele Amöben mit möglichst vielen Genen möglichst lange am Leben zu erhalten. Je nach Anzahl lebender Amöben und Genkarten erhalten die Spieler nach jeder Runde Punkte. Wer zum Schluss am meisten Punkte hat, gewinnt.
In unseren Spielrunden machte «Ursuppe» immer grossen Spass. Viele Elemente des Spielablaufs funktionieren nach dem Chaos-Prinzip, deshalb sind die Züge nicht in langfristigen Strategien zu berechnen, was einen hohen Glücksfaktor ergibt. Trotzdem ist «Ursuppe» wegen seines vielschichtigen Mechanismus eher ein Spiel für geübte Spieler. Negativ fällt ins Gewicht, dass Amöbenzüchter, die einmal abgehängt worden sind, etwa ab der Spielhälfte keine Chance mehr haben, aufzuholen. Die Endphase des Spiels und das Mitleiden der abgehängten Spieler dauert dann zu lange. Dies sind auch die Hauptgründe, weshalb das an sich stimmige Spiel auf der Nominierungsliste zum «Spiel des Jahres» fehlt, wie aus Kreisen der Jury zu erfahren war.
Trotzdem haben wir auch Partien erlebt, in welchen der Spielstand in der Endphase noch einmal völlig auf den Kopf gestellt wurde. Wenn man «Ursuppe» oft gespielt hat, merkt man, dass es keine zu starken oder spielentscheidenden Genkarten gibt, wie man denken könnte. Eigenschaften und Verteilung der Gene sind ausgewogen. Die unterschiedlichsten Strategien können zum Sieg führen. Echte «Ursuppe»-Freaks erfinden zudem laufend neue Gene, die zusätzliche Variationen bieten. Diese Gene findet man über Internet, in den «Ursuppe Gene Testing Grounds».

«Ursuppe», von Doris Matthäus und Frank Nestel, erschienen im Eigenverlag (Doris & Frank Spiele), für 3 bis 4 Spieler ab 12 Jahren, Spieldauer: etwa 2 Stunden. Preis: etwa 85 Franken. Das Spiel ist nur in speziellen Spiele-Fachgeschäften erhältlich wie «Rien ne va plus» oder «Nordliecht» in Zürich oder «DracheNäscht» in Bern. Verlagsadresse: Obere Büch 24, D-91054 Erlangen-Buckenhof. Tel. 0049 9 131 55 045. Internet: www.am.uni-erlangen.de/~nestel/   «Ursuppe Gene Testing Grounds»: www.io.com/~sos/bc/zurs.html


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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