Faites vos jeux  erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART

Zwei Dutzend preisgünstige Kartenspiele für die Hosentasche 

tom. Originelle Spielideen werden gerne wieder verwendet. So stammt der schlaue Verteilmechanismus der Charakterkarten aus «Ohne Furcht und Adel» (NZZ 22. 7. 00) ursprünglich aus dem Kartenspiel «Verräter», das 1998 im Adlung-Verlag erschien. Das besondere an «Verräter» ist, dass ein Spiel, das eigentlich von seinen Abläufen und seiner Komplexität her eher an ein Brettspiel erinnert, in einer nicht mal Zigarettenschachtel grossen Verpackung Platz findet, nur knapp 10 Franken kostet und für das 65 Karten als Material vollends ausreichen. Man verdingt sich dabei als Diplomat, Bauer, Stratege oder Baumeister für eines von zwei Fürstenhäusern, die miteinander im ständigen Streit liegen, und versucht, durch Einflussnahme bei Auseinandersetzungen um Landstriche zu Siegpunkten zu kommen. Welcher Mitspieler welchem Fürstenhaus angehört, ist allerdings nicht immer klar. Verbündete laufen immer wieder mal überraschend zum gegnerischen Fürstenhaus über und fallen einem in den Rücken. «Verräter» ist ein kurzweiliges, empfehlenswertes Spiel für Taktiker. Allerdings sei jedem gewünscht, dass er die Spielregeln mündlich erklärt bekommt. Wer mit komplexeren Spielen nicht vertraut ist, bringt nämlich schlichtweg die Motivation nicht auf, sich durch die 23 Seiten Kleingedrucktes des Regelheftchens zu kämpfen.
Adlung-Spiele sind Spiele, die wirklich in jede Hosentasche passen: Das winzige Format von rund 9×6×2,3 Zentimeter und der kleine Preis sind das Markenzeichen von sämtlichen Kartenspielen aus dem Adlung-Verlag, von denen «Verräter» eindeutig das anspruchsvollste ist. Mit «Speed», einem schnellen Ablegespiel, das mittlerweile in einer Auflage von einer halben Million Stück verkauft ist, begann nach anfänglicher Durststrecke 1995 die Erfolgsgeschichte von Karsten Adlung. Das Verlagsprogramm besteht derzeit aus zwei Dutzend Kartenspielen. Neun Neuheiten werden im Herbst herauskommen. Der Grossteil der Adlung-Spiele bietet zwar nicht das überragende neue Spiel-Erlebnis. Es handelt sich aber durchwegs um durchschnittliche bis solide Spiele, die je nach Vorliebe und Erwartung der Gruppe für fröhliche Stimmung sorgen können. Der kleine Preis hat allerdings auch einen kleinen Nachteil: Allzu robust sind die Verpackungen nicht und leiden beim Herumtragen merklich.
«Puls» ist ein schnelles Kartenablege-Spiel in der Tradition von «Speed», bei dem es darum geht, seine Karten möglichst schnell loszuwerden. Pfeile auf der abgelegten Karte geben jeweils an, wer von den Gegnern als Nächster legen darf. Dies kann nur ein einziger benachbarter Spieler, jeder benachbarte Spieler, der erste und der zweite Spieler links oder überhaupt jeder Mitspieler sein. Gespielte Zahlenkarten dürfen zudem nie die gleiche Farbe wie die zuvor gelegte Zahl haben und kein Teiler oder Vielfaches davon sein. Der Puls rast bei «Puls» tatsächlich, und die Nerven liegen schnell einmal blank. Nur mit höllischer Konzentration und Schnelligkeit ist diesem Spiel beizukommen.
«Pisa» ist ein ziemlich chaotisches Stichspiel, das von den Spielern ein hohes Mass an Flexibilität erfordert. Mit Bieten und Offenlegen von Handkarten bestimmen die Mitspieler zu Beginn einer Runde in drei Abstimmungen erstens die Trumpffarbe, zweitens, ob es darum geht, möglichst wenige oder viele Stiche zu machen, und drittens, ob es einen «Undenufe» oder «Obenabe» (immer mit Trumpf) gibt. Das birgt extreme Tücken, denn selbst wem es gelingt, zwei Abstimmungen durch seinen Einfluss zu seinen Gunsten zu entscheiden, kann durch das Resultat der dritten Abstimmung völlig eingehen. Ein bisschen Bluffen, ein bisschen Riskieren und ein bisschen Jassen ergeben ein gelungenes Spiel-Erlebnis.
Gute Gedächtnisleistungen sind bei «Lao Pengh» und vor allem bei «Dschungel» gefragt. Um bei «Lao Pengh» seine Handkarten loszuwerden, müssen diese offen auf drei verschiedene Stapel gelegt werden. Jede Karte hat drei Merkmale: Motiv, Farbe und Kartenwert. Ein Merkmal darf jedoch nie dreimal direkt hintereinander auf einen Stapel zu liegen kommen. Falls es dennoch geschieht und es jemand merkt, müssen wieder Karten auf die Hand genommen werden. In «Dschungel» geht es darum, durch ein Labyrinth von 7×7 ausgelegten Wegkarten (mit Kreuzungen und Abzweigungen), von denen jeweils die eine Hälfte verdeckt und die andere Hälfte aufgedeckt ist, einen Pfad durch den Dschungel zu finden. Da Wegkarten offen und verdeckt ausgetauscht werden können und die Wege sich dadurch ständig ändern, kann eine Partie schon einmal zur nervtötenden Endlos-Angelegenheit werden.

«Verräter», Machtspiel von Marcel-André Casasola Merkle für 3 oder 4 Spieler ab 12 Jahren, Dauer: 45 bis 60 Minuten.
«Puls», Ablegespiel von Marion und Andreas Dettelbach für 3 bis 6 Spieler ab 10 Jahren, Dauer: 10 bis 20 Minuten.
«Pisa», Stichspiel von Günter Burkhardt für 3 bis 5 Spieler ab 12 Jahren, Dauer: 45 bis 60 Minuten.
«Lao Pengh», Ablege-Spiel von Patrick Inauen für 2 bis 6 Spieler ab 8 Jahren, Dauer: 10 bis 20 Minuten.
«Dschungel», Gedächtnis-Training von Bernhard Naegele für 2 bis 4 Spieler ab 10 Jahren, Dauer: 20 bis 30 Minuten.
Alle Kartenspiele erschienen im Adlung-Verlag, Preis je etwa 10 Franken. Vertrieb in der Schweiz: Carletto AG, Einsiedlerstrasse 31a, 8820 Wädenswil. Internet: www.adlung-spiele.de


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -


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