Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Villa Paletti»: wackliger Höhenrausch
tom. Immer wenn es in meiner Wohnung spätabends
kraddiwumppel macht, wissen meine Nachbarn, dass der Münchner Zoch-Verlag
wieder ein neues Spiel auf den Markt gebracht haben muss. Schon von «Bausack»,
«Bamboleo» oder «Tokami» ist man es nämlich gewohnt, dass wacklige
geometrische Skulpturen und Türme zusammenkrachen, schwere Holzelemente auf den
Boden rumpeln, man diese danach zwischen zertrampeltem Popcorn und längst
verloren geglaubten Avalon-Hill-Spielmarken wieder zusammensammeln muss und sich
dabei Rechtfertigungsreden für die Nachbarn ausdenkt: Nein, nein es sind keine
Gestelle und Schränke zusammengebrochen, und man hat gestern Abend
ausnahmsweise auch niemanden verprügelt oder gefoltert.
«Wozu neue Säulen kaufen?», soll sich einst Baumeister Paletti gefragt haben,
als er im Land, wo die Zitronen blühen, einen mehrstöckigen Prachtsbau
errichtete – wenn man der Anekdote in der Spielregel glaubt: «Wozu neue Säulen
kaufen, wo doch in den unteren Etagen so viele nutzlos rumstehen?! Die werden
ausgebaut, höher gestellt und ganz oben wieder eingebaut.» Gelesen, getan: Die
Spieler wetteifern beim Bau- und Geschicklichkeitsspiel «Villa Paletti» darum,
ihre Säulen aus den unteren Ebenen ohne Schaden freizubekommen. Sieger wird,
wer die meisten und wertvollsten Säulen sicher auf die höchste Ebene
hinaufschafft.
Das Spiel enthält eine Grundplatte, fünf unterschiedlich grosse flache
Holzplatten (fortan wie in der Spielregel Plateaus genannt) und für jeden
Mitspieler fünf Säulen, die auf Grund ihrer unterschiedlichen Dicke zum
Schluss unterschiedlich viele Punkte einbringen. Wer an der Reihe ist, nimmt
eine beliebige eigene frei stehende oder bereits überbaute Säule und stellt
diese auf das derzeit oberste Plateau. Dazu darf man ein beigelegtes Häkchen
benutzen, mit dem Säulen aus unteren Ebenen regelrecht herausgefischt werden können,
wobei sich als ganz besonders praktisch herausstellt, dass die Villa Paletti
keine Wände hat. Wer zu Beginn seines Zuges behauptet, dass er keine seiner Säulen
auf das oberste Plateau stellen kann, ohne dass die Villa zusammenkracht, darf
Antrag stellen, das nächste Plateau auf das fragile Bauwerk setzen zu dürfen.
Mitspieler können widersprechen. Wer widerspricht, versucht, selber eine Säule
des Antragstellers höher zu setzen. Gelingt ihm dies, wird diese Säule auf
Nimmerwiedersehen aus dem Spiel genommen, was dem Gegner nicht gefällt. Jener
Baumeister, der gerade die wertvollsten Säulen auf dem obersten Plateau stehen
hat, bekommt jeweils das «Baumeistersiegel». Wer im Besitz des Siegels ist,
wenn die Villa zusammenkracht, gewinnt das Spiel.
«Villa Paletti» ist ein optisch schönes, gelungenes taktisches
Geschicklichkeits- und Bauspiel. Davon gibt es mittlerweile leider schon einige
auf dem Markt, weshalb sich über die Originalität streiten lässt. Es ist ein
lustiges Spiel, das eine muffige Gruppe in Schwung bringt, als Gag am Rand einer
Party gespielt werden kann und Kinder und Erwachsene zusammenbringt, aber nicht
unbedingt ein Spiel, das süchtig macht. Für Vielspieler verliert es relativ
schnell an Reiz. Auch sollte man sich davor hüten, jemanden einzuladen, der ständig
fragt: «Darf man das überhaupt noch, Spiele spielen, bei denen es darum geht,
dass ein Bauwerk in sich zusammenkracht?» – «Villa Paletti» beruht auf der
Lizenz eines ursprünglich israelischen Spiels. Es dürfte allerdings ein böser
Zufall sein, dass ausgerechnet in Israel im Mai vergangenen Jahres ein Fall
Schlagzeilen machte, bei dem es zu einer Katastrophe kam, weil tragende
Bauelemente aus unteren Etagen eines Hauses entfernt worden waren.
Materialtechnisch hatte der Zoch-Verlag bei der ersten Auflage mit «Villa
Paletti» etwas Pech. Nicht nur waren zwei Holzplatten in Farben eingefärbt,
die nicht der Spielregel entsprachen. Weil die Holzteile noch feucht waren, als
sie verpackt wurden, verbogen sie sich in der Schachtel, und die Häkchen wurden
rostig. Das Problem sei erkannt und in der zweiten Auflage behoben worden, erklärte
eine Verlagssprecherin auf Anfrage. Wie der Betreiber eines Zürcher
Spieleladens versichert, hat einer seiner seltsamen Kunden aber ausgerechnet den
Rost am Häkchen derart speziell gefunden, dass er das Spiel prompt kaufte. Vom
Schachtelaufdruck «ab 8 Jahren» sollte man sich nicht allzu sehr beeindrucken
lassen: Sechsjährige spielen schon wacker mit. Das weiss auch der Zoch- Verlag.
Unter dem Namen «Palazzo Paletti» ist eine Version für Kindergärten in
Vorbereitung, die wesentlich grössere Holzelemente für Kinderhände enthält.
«Villa Paletti», Bauspiel von Bill Payne für 2 bis 4 Spieler ab 8 Jahren. Verlag: Zoch. Spieldauer: 20 bis 30 Minuten. Preis: etwa Fr. 59.–. Vertrieb in der Schweiz: Carletto AG, Einsiedlerstrasse 31 a, 8820 Wädenswil. Internet: www.zoch-verlag.com.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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