Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
«Vino»: Weinhandel für Rechenkünstler und stille Denker
tom. Der blosse Name und das Thema eines Spiels können
manchmal ungeahnte Wirkungen entfalten. In meinem Bekanntenkreis jedenfalls
folgte auf die Meldung über die Existenz eines Spiels namens «Vino», bei dem
es um Weinanbau in Italien geht, Wundersames: Die Schachtel konnte noch so gut
in der hintersten Ecke im untersten Stapel versteckt sein, wer zu einem
Spielabend kam, fragte nach «Vino». Alle wollten «Vino» spielen. Auch der
zigfache Hinweis, dass noch 50 andere Neuheiten ausprobiert werden müssten, nützte
nichts, «Vino» musste es sein. Leider – dies sei vorweggenommen – blieb
dieser Wunsch nur so lange bestehen, wie die Mitspieler das Spiel nicht
angespielt hatten.
Tatsächlich, die Schachtel weckt Lust, sie zeigt die Idylle eines verträumten
italienischen Weindörfchens mit einem lieben, älteren Herrn im Vordergrund,
der genussvoll das Weinglas hebt und uns zuprostet. Ausgepackt und mit den
Regeln vertraut gemacht, geht es in die erste Partie. Aber seltsam, es will
keine Atmosphäre, keine Spannung aufkommen. Trotz dem Sprichwort: «Wenn der
Wein gut ist, kommt der Durst mit dem Trinken», einigt sich die Runde nach
einer zähen Stunde darauf, das Spiel sang- und klanglos abzubrechen. Wenige
Tage darauf folgt ein zweiter Versuch mit neuen willigen Mitspielern, von denen,
nur Gott weiss wieso, genug vorhanden sind. Doch erneut stellt sich das gleiche
Erlebnis ein. Die Mitspieler packen «Vino» frustriert zusammen, rufen: «Vino
pellite curas!» und schlagen Lücken in meinen realen Weinkeller. Man ist sich
einig: Das Spielerlebnis und das Spielthema passen nicht zusammen. «Vino»
entspannt nicht, «Vino» ist kein Genuss. «Vino» ist im Gegenteil ein hartes
Stück Arbeit. Muss das Spiel wohl, frei nach Ludwig A. Feuerbach, wie ein
kostbarer Wein mit gehörigen Unterbrechungen Schluck für Schluck genossen
werden?
Im dritten Anlauf sind nur noch Spielefreaks am Tisch: Taktiker, Rechner und
stille Denker. Für sie scheint dieses trockene Spiel geschaffen, bei dem das
Thema Wein ebensogut durch die Eröffnung von Filialen von Fast-food-Ketten in
italienischen Städten, die Ausbildung von Coiffeusen verschiedener
Haar-Styling-Schulen oder die Betreibung von Dressuranstalten für
unterschiedlich bissige Hunde ersetzt werden könnte.
Auf dem Spielplan ist Italien in neun Landschaften eingeteilt, von Trentino über
Liguria, Toskana und Abruzzo bis Calabria. Je nach Gebiet ist der Anbau von
zwei, drei oder vier verschiedenen Rebsorten möglich; fünf stehen zur Auswahl:
Barbera, Montepulciano, Nebbiolo, Pinot Grigio und Trebbiano. Unsäglich ist
leider die Farbgebung der Gebiete auf dem Spielplan, die eine Unterscheidung
sehr schwer macht. Hier hat der Verlag aber für die Zweitauflage bereits
Besserung versprochen. Wer an der Reihe ist, darf jeweils neue Weinberge kaufen
und fertigen Wein aus früher erworbenen Weinbergen verkaufen.
Die Weinberge in den Gebieten haben unterschiedliche Preise. Sie kosten zwischen
20 und 400 «Vino», wie die Währung dieses Spiels heisst. Billig kauft, wer früh
kauft, eine andere Rolle spielt der Einkaufspreis nicht. Es gibt auch staatliche
Weinberge, die verschenkt werden, und zwar an jene Mitspieler, die in den
betreffenden Landschaften bereits Weinberge besitzen. In der Spielregel ist klar
festgelegt, wer in der Kaufphase, in welcher Reihenfolge, wo auf dem Spielplan,
wie viele Weinberge erwerben darf. Die Menge des verkaufbaren Weins ist
identisch mit der Menge der Weinberge einer Rebsorte. Die Preise für den
Verkauf von Wein sind auf einer Tabelle ablesbar. Durch den Verkauf einer
bestimmten Sorte, ändert sich der Kurs. Je mehr Wein einer Sorte auf dem Markt
ist, desto billiger wird er. Es gewinnt, wer am meisten Weinberge besitzt.
Die Devise in diesem Spiel lautet: rechnen, rechnen, rechnen. Das Kaufen und
Verkaufen geschieht leider nie in Interaktion mit den Mitspielern, sondern immer
nur mit der Bank. Dauernd wird Geld herumgeschoben. Das Spielsystem eignet sich
deshalb eher für eine Computersimulation als für eine Runde von Menschen, die
an einem Tisch zusammensitzen, um einen geselligen Abend zusammen zu verbringen.
Leider vermittelt die Schachtel einen anderen Eindruck. Auch das Durcharbeiten
der Spielregel ist ein ziemlich harter Brocken. Positiv hervorzuheben ist aber
ein Abschnitt mit Hinweisen und Spieltips zum Schluss der Regel. Wer durchhält
und eine Partie zu Ende bringt, hat es sich wenigstens redlich verdient, nach
hinten zu lehnen und sich einen echten Tropfen zu gönnen. «Dem ermüdeten Mann
ist Wein ja kräftige Stärkung», wie Homer in der Ilias schon kundgetan hat.
«Vino», Wirtschaftsspiel von Christwart Conrad für 3 bis 5 Spieler ab 12 Jahren. Verlag: Goldsieber. Spieldauer: 90 bis 150 Minuten, Preis: etwa Fr. 60.–. Vertrieb in der Schweiz: Max Bersinger AG, Zürcherstr. 505, 9015 St. Gallen.
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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Tannenstrasse 40, CH-9010 St. Gallen. Update: 25.01.2000