Faites vos jeux erschienen in der Neue Zürcher Zeitung in LEBENSART
Gnadenlose Karten-Zockereien
tom. Der Wilde Westen ist kein häufig
verwendetes Thema von Brett- und Kartenspielen, pro Jahrgang reicht es aber
meistens für zwei, drei Neuerscheinungen. In diesem Frühjahr waren es «Wyatt
Earp» von Richard Borg («Bluff») und Mike Fitzgerald sowie «Gnadenlos»
von Klaus Teuber («Die Siedler von Catan»). Beides sind einfache, kurzweilige
und manchmal witzige Spiele mit einer Spieldauer von weniger als einer Stunde,
die sich für jedermann eignen. Das Handicap für Anfängergruppen ist
allerdings der Einstieg. Bei beiden muss man zunächst eine zwar klare, aber
relativ lange Spielregel lesen, die Greenhorns durchaus abschrecken könnte.
Wer das Kartenspiel Rommé kennt, der dürfte jedoch wenig Probleme haben, die
Abläufe von «Wyatt Earp» zu verstehen. Im Kern ist dieses Kartenspiel nämlich
ein Rommé mit Aktionskarten. Die sieben Outlaws Belle Starr, Wes Hardin, Jesse
James, Billy the Kid, Bob Dalton, Butch Cassidy und Sundance Kid repräsentieren
im Prinzip sieben verschiedene Kartenfarben. Jeder Spieler versucht,
Kartenkombinationen vor sich so auszulegen, dass er bei möglichst vielen
Outlaws hohe Zahlenwerte erreicht, um damit Belohnungen einzustreichen. Neben
den «Outlaw- Karten» gibt es «Sheriff-Karten», die spezielle Aktionen
erlauben.
Zu Beginn erhält jeder Spieler zehn Karten auf die Hand. Wer am Zug ist, hat
drei Aktionen: Erstens muss er entweder zwei Karten vom verdeckten Stapel oder
die oberste Karte vom offenen Talon aufnehmen; zweitens darf er Karten mit
Outlaws vor sich offen auslegen und pro Runde eine einzige Sheriff-Karte
ausspielen. Drittens muss er zum Schluss eine Karte von der Hand offen auf den
Talon abwerfen. Aber Vorsicht, diese kann vom nachfolgenden Spieler benutzt
werden. Für jeden Outlaw liegt ein Steckbrief mit einer Anfangsbelohnung von
1000 Dollar auf dem Tisch. Werden zwei oder mehr Outlaw-Karten gleicher Sorte
offen ausgelegt, erhöht sich die Belohnung auf dem entsprechenden Steckbrief.
Mit Sheriff-Karten können Outlaw- Werte und Belohnungen erhöht, Karten von
Mitspielern gestohlen, zusätzliche Karten gezogen oder gegnerische Auslagen
neutralisiert werden.
Ein Durchgang endet normalerweise, wenn ein Spieler seine letzte Handkarte
abwirft. Dann werden sämtliche Belohnungen nach einem speziellen System unter
jenen Spielern aufgeteilt, welche die höchsten Werte der einzelnen Outlaws
ausgelegt haben, und ein neuer Durchgang beginnt. Das Spiel endet, wenn ein
Spieler 25 000 Dollar zusammengerafft hat. «Wyatt Earp» lebt von der
Risikobereitschaft der Spieler. Soll man auf Sicherheit spielen und alles, was
man hat, sofort offenbaren, oder soll man die Karten sammeln und das
schlagartige, überraschende, lukrative Ende suchen? Göttin Fortuna spielt
dabei natürlich eine nicht unerhebliche Rolle.
Die Talente von 29 Abenteurern bei «Gnadenlos» könnten ungleicher nicht auf
die drei Fähigkeiten Goldschürfen, Duellieren und Pokern verteilt sein, es
gibt sogar Abenteurer, die überall totale Flaschen sind. Immer wieder werden
neue Abenteurer unter den Spielern versteigert. Bezahlt wird mit Schuldscheinen
unterschiedlicher Wertigkeit, die verdeckt ausgelegt werden. In jedem Zug
bestimmt eine Ereigniskarte zufällig, welche Fähigkeit gerade gefragt ist.
Jeder Spieler wählt dann einen Abenteurer von der Hand. Die Karten werden
gleichzeitig aufgedeckt. Ist gerade Goldrausch angesagt, erhalten die beiden
Spieler mit den besten Schürf-Fähigkeiten wertvolle Nuggets, mit denen man
sich auch Schritte für seine Spielfigur auf dem «Weg des Erfolges» kaufen
kann. Im Duell wird der mieseste Schütze erschossen, der Sieger darf sich zwei
verdeckte Schuldscheine zurück auf die Hand nehmen. Wurde gepokert, darf der
Spieler mit dem höchsten Wert auf dem «Weg des Erfolges» vorrücken. Mit dem
kleinsten Wert geht's rückwärts. Wer ein Ereignis gewinnt, verliert die
entsprechende Abenteurer-Karte.
Immer wenn 24 Schuldscheine ausliegen, gibt es «Zahltag». Durch Würfelwurf
werden zufällig Scheine bestimmt, deren Beträge in Gold von den ursprünglichen
Besitzern zurückbezahlt werden müssen. Wer nicht mehr bezahlen kann, bekommt
einen «Pleitegeier» und zieht auf dem Erfolgspfad rückwärts. Wer bei
Spielende auf dem Pfad am weitesten vorne steht, gewinnt. Dumm ist nur, dass das
Ende nicht voraussehbar ist. Eine Partie kann nämlich auf drei verschiedene
Arten enden. «Gnadenlos» ist witzig, wirkt aber etwas konstruiert. Erst nach
der ersten Partie hat man begriffen, wie die einzelnen Mechanismen ablaufen,
deren Beeinflussbarkeit nicht allzu gross ist. Das tut dem Spielspass aber
eigentlich keinen Abbruch, da «Gnadenlos» ein Spiel ist, das man vorzugsweise
spielt, wenn man Bier konsumiert hat.
«Wyatt Earp», Kartenspiel von Richard Borg und Mike Fitzgerald für 2 bis 4 Spieler ab 12 Jahren. Verlag: Alea (Ravensburger). Spieldauer: 45 bis 60 Minuten. Preis: etwa Fr. 40.–. Vertrieb: Carlit + Ravensburger, Grundstrasse 9, 5436 Würenlos. Internet: www.ravensburger.de
«Gnadenlos», Versteigerungsspiel von Klaus Teuber für 3 bis 4 Spieler ab 10 Jahren. Verlag: Kosmos. Dauer: 30 bis 50 Minuten. Preis: etwa Fr. 35.–. Vertrieb in der Schweiz: Lemaco SA, Chemin du Croset 9, 1024 Ecublens. Internet: www.kosmos.de
Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Weitere Spielebesprechungen -
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