Neue Zürcher Zeitung LEBENSART

Go – Spiel und asiatische Philosophie zugleich

Zu Besuch beim Go-Klub Zürich im Zentrum Karl der Grosse

tom. Der obere Teil des Cafés Karli ist gut gefüllt. Jeder Tisch ist mit zwei Personen besetzt. Doch die Gäste haben keine Teller vor sich, sondern Holzbretter, auf denen kleine weisse und schwarze runde Steinchen liegen, Tisch an Tisch, Brett an Brett. Es wird kaum geredet. Viele Gesichter sind auf Hände gestützt. Ab und zu greift eine Hand in ein Töpfchen, von denen sich auf jedem Tisch zwei befinden, aber es werden nicht Salznüsse hervorgeklaubt, sondern es kommt ein kleines Steinchen zum Vorschein, gekonnt zwischen Mittel- und Zeigefinger eingeklemmt. Die Steinchen können mit dieser Technik wesentlich bequemer aufs Brett gelegt werden. Es knistert nicht nur beim Griff in die Töpfchen leise, sondern es scheint fast, als nehme man auch aus den Hirnwindungen der Spieler leises Knistern wahr.

Über 4000 Jahre alte Tradition

Bereits vor 4000 Jahren waren in China wohl ähnliche Szenen zu beobachten gewesen. Denn so alt ist das Brettspiel Go, das jeden Mittwoch abend im Zentrum Karl der Grosse gespielt wird. Go erlebte seine stärkste Entwicklung allerdings nicht in China, sondern in Japan, wo es sich ab 700 nach Christus vom kaiserlichen Hof aus vor allem unter buddhistischen und shintoistischen Mönchen und den Samurai weiter verbreitete. Heute spielen in Ostasien rund 50 Millionen Menschen Go. Die besten Spieler kommen aus Japan, Korea, Russland und China. Allein in Japan gibt es etwa 400 Go-Profis, die mit dem Spiel ihren Lebensunterhalt verdienen. Will man Profi werden, muss man sich aber bereits im zarten Kindesalter von 6 Jahren regelmässig ans Brett setzen.

Seit 25 Jahren ein Go-Klub in Zürich

Der Zürcher Go-Klub wurde 1974 gegründet. Heute hat er knapp 50 Mitglieder, nur 4 davon sind Frauen. Go verbindet verschiedenste Altersstufen und Berufsgruppen. Der älteste Go-Spieler, der regelmässig jeden Mittwoch abend zum Duell im Café Karli erscheint, ist 84, der jüngste 18 Jahre alt. Präsident ist Allan Rosenheck, ein Amerikaner. Mehrere Klubmitglieder sind Japaner, die in Zürich leben. Nachdem man sich lange Jahre im Café Plätzli getroffen hat, ist der Klub seit einem Jahr im Zentrum Karl der Grosse an der Kirchgasse neben dem Grossmünster beheimatet. Der Go-Klub ist überglücklich, im Karli spielen zu können. Das Zentrum, eine Einrichtung des Amts für Soziokultur des Sozialdepartements, bemüht sich, Räume für alle zur Verfügung zu stellen in Unterstützung für generationsübergreifende Aktivitäten. Ein paarmal im Jahr wird der Klub von japanischen Profis besucht, gegen die dann spannende Simultan-Turniere durchgeführt werden.
Rosenheck, der seit über 30 Jahren spielt, erinnert sich, wie er Go in Amerika lernte und als Anfänger in Manhattan einen Go-Klub besuchte. Er wurde von einem alten japanischen Mann sehr höflich begrüsst. Dieser schlug ihm vor, mit einer jungen japanischen Dame zu spielen. Die beiden sassen mit gekreuzten Beinen, die bald einschliefen, auf dem Boden. Nachdem die Dame sich zuerst noch über die ungewöhnlichen Züge Rosenhecks gewundert und eine subtile Taktik vermutet hatte, merkte sie bald, dass er Anfänger war. Nach einer halben Stunde hatte er hoffnungslos verloren. Die Dame spielte dann noch jeden einzelnen Zug auswendig nach, um Rosenheck zu zeigen, was er falsch gemacht hatte.

Jeder gegen jeden dank Handicap-Regel

Worum geht es beim Go überhaupt? Go ist ein strategisches Brettspiel für zwei Personen. Auf einem Brett mit 19 horizontalen und 19 vertikalen Linien werden abwechselnd von den beiden Spielern Steine auf Schnittpunkte gesetzt. Es gilt, möglichst grosse Gebiete zu umschliessen. Wenn ein Spieler gegnerische Steine einschliessen kann, werden diese vom Brett genommen. Laut Rosenheck braucht es beim Go die gleichen Talente wie beim Schach, vor allem ein gutes visuelles Gedächtnis sei gefragt. Go verfügt jedoch über ein Handicap-System wie Golf, so dass schwache Spieler gegen starke Gegner mit ausgeglichenen Chancen antreten können. Wie bei Kampfsportarten sind die Spieler in Stärkegrade nach Dan oder Kyu eingeteilt. Ein 2. Dan kann sich problemlos mit einem 4. Kyu messen. Je nach Grad erhält der schwächere Spieler nämlich zu Beginn einen genau berechneten Vorsprung an Steinen auf dem Brett.
Go ist aber nicht nur ein Spiel, sondern eine ganze Philosophie. Alle Spieler im Café Karli sind sich einig, dass es genügend Potential besitzt, damit man sich jeden Tag acht Stunden lang beschäftigen kann. Go wird mittlerweile auch regelmässig über Internet gespielt. Go-Computerprogramme sind hingegen nicht sehr ausgereift. Jeder mittelmässige Amateur kann die besten Go-Programme schlagen, sagt Rosenheck. Denn Go sei im Gegensatz zu Schach ein Aufbauspiel, das Brett beginnt leer, und die mögliche Zahl der Züge sei auch für einen Computer viel zu gross. Für Go brauche es eben Erfahrung, Instinkte, visuelle Muster und eine Menge Faustregeln. Reine Mathematik reiche da nirgends hin.
Im Spiele-Laden bekommt man bereits billige Go-Ausgaben aus Pappe für 20 Franken. Kleine Plasticscheiben als Spielsteine sind aber nicht sehr geeignet, da man sie nicht leicht vom Brett abheben kann. Die Steine müssen elliptisch sein. Schöne Holzbretter gibt es für rund 100 Franken zu kaufen. Wer nun Lust auf Go bekommen hat, der kann einfach an einem Mittwochabend ab 19 Uhr im Zentrum Karl der Grosse beim Grossmünster im Niederdorf vorbeischauen und sich das Spiel erklären lassen. Im März führt übrigens Ursula Dumermuth im Zentrum Karl der Grosse auch Go-Kurse für Kinder durch. Informationen sind unter Telefon 241 34 81 erhältlich.


Mit freundlicher Genehmigung des Autors Thomas Felber im toy-net.ch. - Spielebesprechungen -


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