Neue Zürcher Zeitung VERMISCHTE MELDUNGEN Freitag, 22.09.2000 Nr.221   64

Puppen, Plüsch und Pokémon

Suisse Toy - Messe für Spiel und Hobby in Bern

tom. Bern, 21. September

Es rattert, knattert, knirrt und blinkt am Stand der Amateure für Metallmodellbau, die aus Meccano- und Stockys-Baukästen wahre Geniestreiche der Ingenieurskunst geschaffen haben, darunter meterhohe Kräne, komplex rotierende Kugelbahnen, ein Riesenrad und funktionstüchtige Rundstrickmaschinen. Über den Köpfen gondelt zudem auf 27 Metern Länge eine Luftseilbahn durch die Ausstellungshalle. Doch Vorsicht: wer zu lange abgelenkt hinterher blickt, gerät in Gefahr, einem lebensgrossen Pokémon-Plüschungetüm, das links vorbeiwatschelt, auf den Schwanz zu treten. Trotz Furby, Teletubbies und Brettspielen beherrscht das Thema Pokémon die Szenerie in der Spielwarenhalle der am Mittwoch in Bern eröffneten Spielwarenmesse Suisse Toy.

Zwei Spielmessen innert zwei Wochen

Doch bereits ist Konkurrenz im Anzug: «Digimon» heisst die neue Monster-Familie einer Konkurrenzfirma, gegen welche sich der niedliche «Pokémon»-Zoo wie eine Ansammlung von Erstkommunikanten ausnimmt. Die Digimon-Viecher sehen hässlicher und gefährlicher aus, obschon das dazugehörige Sammelkartenspiel wesentlich einfacher als jenes von Pokémon zu spielen ist. Trotz der Monster-Manie: ein nettes Marionettentheater, das «Dominik Dachs und die Katzenpiraten» zum Besten gibt, schlägt an der Suisse Toy ebenfalls Dutzende von Kindern in seinen Bann, während im Hintergrund ein richtiger Bob vorbeidröhnt: Auf einer «Anstosspiste» kann man nämlich versuchen, die beste Zeit zu erzielen. Wem das zu anstrengend ist, der wählt eine Fahrt auf der Piste der Carrera-Rennbahn.

Seit Mittwoch gleicht das Gelände der BEA expo in Bern einem kleinen Spielparadies. Nach der seit Jahren etablierten Schweizer Spielmesse in St. Gallen ist die Suisse Toy in Bern innerhalb von nur zwei Wochen die zweite Messe zum Thema Spiele, Spielwaren und Hobby, die mit einem nationalen Charakter wirbt. Die Suisse Toy wird dieses Jahr zum ersten Mal durchgeführt und steht unter dem Patronat des Schweizerischen Verbandes der Spielzeuglieferanten. Die frühere Messe «Modell + Hobby» ist darin integriert worden. Die Suisse Toy ist als Publikumsmesse und Erlebnisschau auf über 27 000 Quadratmeter konzipiert. Anfassen und mitspielen ist oft nicht nur erlaubt, sondern geradezu erwünscht. Rund 170 Aussteller sind bei der Premiere präsent. Von den marktbeherrschenden Firmen der Spielzeugbranche fehlen allerdings Lego, Mattel (Barbie-Puppen) und Playmobil.

Trotz gegenteiligen Beteuerungen der Berner Messeorganisatoren stehen die beiden Veranstaltungen miteinander in Konkurrenz. Viele Aussteller können sich zwei grosse Messeauftritte innerhalb von zwei Wochen nicht leisten. Dass einige Firmen angesichts dieser Situation erst einmal die Strategie des Abwartens gewählt haben, sieht man der Berner Messe an. Das Angebot ist noch nicht optimal. Zwar wirken die Stände optisch eindeutig professioneller gestaltet und grosszügiger konzipiert als in St. Gallen, dadurch verstärkt sich aber auch der Eindruck eines rein kommerziell ausgerichteten Anlasses. Kleinhändler, Kleinverlage, Spielefreaks und Spielklubs, die in St. Gallen für eine besondere Atmosphäre sorgen, sind in Bern (vorerst noch?) eher rar.

Während die Modellbauhallen bereits am Donnerstag voller Leute waren, hielt sich der Besucherandrang im Spielwaren- und Spielebereich noch eher in Grenzen, was einen Ansturm am Wochenende nicht ausschliesst. Ursula Widmer von Hasbro hofft jedenfalls noch auf möglichst viele Teilnehmer an der Schweizer Meisterschaft im Monopoly. Immerhin gibt es einen Flug nach Toronto mit einer Teilnahme an der Weltmeisterschaft zu gewinnen. Ernst zu nehmende Konkurrenz war bis am Donnerstag noch keine auszumachen. Meisterschaften und Turniere werden an anderen Ständen mit Zatre, Rummykub oder Magic abgehalten.

Puppenhäuser, Eisenbahnanlagen

Es gibt nichts, was sich nicht zum Modellbau eignet. Prächtige Puppenhäuser, von der detailreich gestalteten Apotheke über das komplett mit antiken Möbeln eingerichtete fünfstöckige Stadthaus bis zu einer modernen Sushi-Bar, ziehen weibliche Besucher in ihren Bann. Der Genfer Hubert Tièche hat in über 5000-stündiger Arbeit ein Zirkus-Modell mit drei Arenen geschaffen. Zu bewundern gibt es auch Autos, historische Schiffsmodelle, Dampfmaschinen und natürlich Eisenbahnanlagen in allen Grössen und Variationen, allen voran ein massstabgetreuer Nachbau der Gotthard-Südrampe von Airolo bis Binaschina. Die Modellbaugruppe Weigel aus Leipzig hat bis heute gegen 16 500 Arbeitsstunden darin investiert und allein 52 000 Bäume auf der 20 Meter langen Anlage verteilt.

Weitere Höhepunkte der Suisse Toy sind eine Ausstellung von Tretautos - die älteste der Original-Blechkisten stammt aus dem Jahre 1930 -, Workshops für Schulklassen, eine Kartbahn, Modellflugakrobatik sowie ein Überflug der Patrouille Suisse am Freitagnachmittag. Bis am Sonntag werden rund 50 000 Besucher erwartet.


www.felsberger.ch - www.toytown.ch - www.toy-net.ch - www.spielmesse.ch