Schweizer Spielmesse

St.Gallen, 19. - 21. November 2004

 

         


Spiele-Auszeichnungen: Nützliche Fingerzeige, die den Konsumenten die Wahl erleichtern

Unterschiedlicher könnten sie nicht sein: Die Auszeichnungen für Brett- und Kartenspiele im deutschsprachigen Raum. Das liegt in erster Linie daran, wie die Gütesiegel zustande kommen. Daneben spielen nationale Marktgegebenheiten eine grosse Rolle. Kennt der Konsument ein paar wesentliche Merkmale der Auszeichnungen, erleichtern sie ihm zweifellos die Suche nach einem passenden Spiel.

In praktisch jedem grösseren westeuropäischen Land ist in den vergangenen Jahren ein nationaler Spielepreis ins Leben gerufen worden. Die Initiative ging in der Regel von engagierten Spielern oder Spielejournalisten aus. Eines verbindet und ist aus Konsumentensicht wichtig: Die Gütesiegel werden nicht von den Herstellern lanciert, sondern es empfehlen mehr oder weniger fachkundige Gruppen den anderen Spielern Produkte. Damit sie sich im unübersichtlichen Angebot besser zurechtfinden und auf „Nummer sicher" gehen können.

Welches Vertrauen kann man in die Auszeichnungen setzen? Sieht man sich die jeweiligen „Medaillenplätze" eines Jahrganges an, dann sticht sofort ins Auge, dass von Land zu Land offenbar unterschiedliche Massstäbe angelegt und verschiedene Ansprüche gestellt werden. Ein Grund sind einerseits nationale Eigenheiten wie beispielsweise in den Vertriebswegen. Andererseits liegt es an den unterschiedlichen Wahlverfahren, für das jeweilige Land die „besten" Spiele zu küren. Handelt es sich um den Preis einer Jury oder handelt es sich um Sieger, die vom Publikum gewählt werden? Entscheidung hinter verschlossenen Türen oder Basisdemokratie – beide Varianten haben Vor- und Nachteile.

In die erste Kategorie fallen das „Spiel des Jahres", der weltweit wohl renommierteste Spielepreis, und sein Ableger, das „Kinderspiel des Jahres". Das „Spiel des Jahres" wird seit genau einem Vierteljahrhundert von einer Jury vergeben, die aus Spielejournalisten und -kritikern besteht. Mit Dr. Synes Ernst („Handelszeitung") und Tom Felber („NZZ") gehören auch zwei Schweizer dem zwölfköpfigen Gremium an. Dem eigenen Anspruch zufolge will die Jury jenes Spiel auf den Schild heben, das aktuell am besten für ein breites Publikum geeignet ist und zusätzliche Leute von der Faszination des Spielens zu überzeugen vermag.

Solche Gedanken sind den Machern des „Deutschen Spielepreises" im Grunde fremd: Ausgeschrieben von einem deutschen Spielmesse-Veranstalter, wählt hier eine sehr spezielle Gruppe von Spielern jenes Spiel, das sie in den zurückliegenden Monaten am meisten begeisterte: Es sind praktisch ausschliesslich so genannte Freaks, die mittels Postkarte oder im Internet abstimmen. Mit ganz wenigen Ausnahmen wurden daher stets sehr komplexe Spielideen ausgezeichnet, die den „Otto Normalspieler" eher überfordern.

Der „Schweizer Spielepreis" wiederum resultiert zwar wie der „Deutsche Spielepreis" auch aus dem Urteil des Publikums, allerdings unter ganz anderen Vorzeichen. Auch Freaks sind zur Wahl aufgerufen, in der Überzahl sind es jedoch die Gelegenheitsspieler, die ihr Votum abgeben. So erklären sich Unterschiede: Die Schweizer Spieler haben im Vorjahr „Heimlich & Co." in der Kategorie Familienspiele auf den 1. Platz gesetzt – weder beim „Deutschen Spielepreis", noch beim Österreichischen Spielepreis „Spielehits" oder fürs „Spiel des Jahres" kam der neu aufgelegte moderne Klassiker in die engere Wahl. Wahrscheinlich auch, weil er sehr einfach zu spielen ist. In der Schweiz entscheiden nämlich die Kunden der vielen Ludotheken in der ganzen Schweiz, wer einen Preis bekommt. Der eigentlichen Wahl geht eine umfangreiche und gemeinsame Vorschlagsliste des Vereins der Schweizer Ludotheken und der Informationsstelle der Schweizer Spieleclubs voraus. Unterm Strich sind es also Konsumenten wie du und ich, die mit dem Preis aus ihren Erfahrungen heraus anderen Konsumenten in drei Kategorien Familien-, Kinder- und Freakspiele ans Herz legen.

Mitunter sind sich Juroren und Publikum aber einig: Im Vorjahr war der Träger des „Schweizer Spielepreises" in der Gruppe Kinderspiele mit „Maskenball der Käfer" und das „Kinderspiel des Jahres" identisch. Hingegen wurde „Villa Paletti" von der Jury zum „Spiel des Jahres 2002" erklärt, von den Schweizer Konsumenten jedoch als Kinderspiel eingestuft. Das Freakspiel Puerto Rico (Verlag Alea / Ravensburger) erzielte beim Schweizer und beim Deutschen Spielepreis 2002 in seiner Kategorie den 1. Rang. Verschiedene Spieleverlage haben bereits begonnen, die prämierten Spiele in den Katalogen und Werbeprospekten mit den jeweiligen Auszeichnungen der Spielepreise aufzuführen und die Spielepreis-Logos auf die Verpackungen aufzudrucken.

Auch Spielepreise und -auszeichnungen unterliegen gewissen Moden und den Veränderungen des Marktes. So hat sich die Auszeichnung „Spiel des Jahres" von den komplexen Spielen eher abgewandt und propagiert heute Spiele mit leichtem Einstieg. Kritiker unterstellen diesem Sinneswandel auch monetäre Gründe: Von einem Spiel für die Masse lassen sich mehr Exemplare verkaufen, wovon wiederum die Jury als Verein profitiert. „Spiel des Jahres" und „Kinderspiel des Jahres" sind die einzigen Auszeichnungen, wofür die Hersteller Prozente an jene abliefern müssen, die den Preis vergeben.

Vom Korsett, die gesamte Aufmerksamkeit auf nur zwei Spiele legen zu können, versucht sich die Jury „Spiel des Jahres" ab 2004 zu befreien. Ab dem nächsten Jahr gibt es nur noch eine kleine Nominierungsliste, um Spannung zu erzeugen. Nach der Preisvergabe folgt eine neue umfangreiche Empfehlungsliste, die erstmals nach verschiedenen Interessen und Vorlieben der Spieler unterscheidet. Man orientiert sich damit am Weg des österreichischen Spielepreises, der in „Spielehits für Familien", „für Kinder", „für Experten", „für Freunde", „für Viele" und „für Zwei" einteilt und als Krönung ein „Spiel der Spiele" prämiert. Das Wahlverfahren ist umgekehrt zur Schweiz: Konsumenten können Vorschläge machen, die Entscheidung liegt aber bei einer fünfköpfigen Jury.

Auslöser, warum eine Gruppe und die Veranstalter des Österreichischen Spielefestes in Wien vor drei Jahren einen nationalen Spielepreis ausrief, war die österreichische Marktsituation. Sie ist ähnlich wie in der Schweiz: Zahlreiche Spiele, die bei der Vorauswahl zum „Spiel des Jahres" einen Listenplatz ergattern, waren und sind in Österreich nicht erhältlich. Ergo kommen als österreichische „Spielehits" nur solche Spiele in Frage, die im Nachbarland halbwegs flächendeckend erhältlich sind. Die meisten Kleinverlage – und damit auch originelle Spielideen – haben damit zwar keine Chance auf einen Preis, dafür wird bei den österreichischen Spielern Frust vermieden. Die Schweizer können auch Spiele von Kleinverlagen immerhin auf einer Spielmesse wie in St.Gallen erstehen – in Österreich sind die so genannten Spielefeste jedoch verkaufsfrei.

Genauso wenig wie es das beste Buch, den besten Film etc. gibt, gibt es das beste Spiel. Die verschiedenen Auszeichnungen kommen unter schwer vergleichbaren Regeln zustande. Und auch das sollten die Konsumenten bedenken, wenn ihnen ein von wem auch immer ausgezeichnetes Spiel ins Auge sticht: Jeder Preis stellt eine Momentaufnahme dar – der Preisträger von diesem Jahr muss nicht zwangsläufig besser sein als der vom letzten – und bleibt trotz des ausgeklügeltsten Wahlsystems immer Geschmackssache. Die Vielfalt der Spielepreise hilft jedoch unbestritten als nützlicher Fingerzeig, das passende Spiel für den eigenen Geschmack zu treffen.

Arno Miller, Der Autor ist Freier Journalist und Herausgeber eine Spielefachzeitschrift


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